7. UNESCO-Diskussionsforum

14.09.202612:00

Europa in der Polykrise – zwischen Spielball und souveränem Akteur

Wie souverän ist Europa in einer zunehmend von Machtpolitik geprägten Welt? Mit dieser Frage beschäftigte sich das 7. UNESCO-Diskussionsforum „Europa in der Polykrise: Souveräner Akteur oder geopolitischer Spielball?“ am 25. August 2026 an der Humboldtschule in Bad Homburg. Zu Gast waren Nico Lange, Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz, und Professorin Dr. Nicole Deitelhoff, Friedens- und Konfliktforscherin.

Frau Professorin Deitelhoff betonte, Europa dürfe nicht nur auf Veränderungen reagieren: „Wenn wir nicht nur mit den Fakten konfrontiert werden wollen, die andere schaffen, dann müssen wir selbst was tun.“ Angesichts von Konflikten, politischer Polarisierung und zunehmendem Machtdenken müsse Europa Abhängigkeiten reduzieren und zugleich neue Partnerschaften aufbauen: „Europa geht über Partnerschaften. Wir machen das gemeinsam mit anderen.“

Lange sieht die geopolitische Auseinandersetzung um Europa bereits in vollem Gange: „Es läuft eine militärische Auseinandersetzung um die Zukunft Europas.“ Der Krieg gegen die Ukraine zeige, dass Europa seine Zukunft selbst gestalten müsse. Dafür brauche es mehr Eigenständigkeit gegenüber Russland und den USA sowie eine führende Rolle bei Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Drohnen: „Wir wollen da an der Spitze sein. Wir wollen das anführen.“

Besonders kontrovers war die Diskussion über die USA. Lange kritisierte Europas bisherige Abhängigkeit mit dem Bild, man hoffe, dass „Daddy“ die Probleme löse. Deitelhoff forderte ebenfalls mehr Eigenständigkeit, warnte aber vor einem abrupten Bruch. Europa müsse zunächst noch einmal „eine Kröte schlucken“. Lange verglich den Übergang mit einer „geordneten Scheidung aus einer toxischen Beziehung“ und warnte: „Die Erfahrung in der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist doch aber, wir haben das gar nicht unter Kontrolle.“

Auch China wurde als Handelspartner, Konkurrent und geopolitischer Rivale thematisiert. Dabei wurde deutlich, dass Macht heute nicht nur militärisch, sondern auch durch Technologie, Rohstoffe, Lieferketten und wirtschaftliche Stärke bestimmt wird.

Die Schülerinnen und Schüler beteiligten sich mit kritischen Fragen zur europäischen Verteidigung, zu den USA, China und der Handlungsfähigkeit der EU. Auf die Frage, ob Europa sich gegen China und Russland behaupten könne, antwortete Lange mit „Ja“ – allerdings müsse Europa stärker auf Innovation und Wettbewerbsfähigkeit setzen.

Einigkeit herrschte darin, dass Europa handlungsfähig werden müsse. Lange betonte: „Es wird keinen Konsens geben zu diesen Fragen.“ Trotzdem müsse die Politik auch bei Uneinigkeit Entscheidungen treffen.

Auch die Rolle junger Menschen wurde diskutiert. Auf die Frage, was sie selbst tun könnten, antwortete Lange zunächst, dass persönliche Resilienz und die allgemeine Vorbereitung auf Krisen wichtig sind. Deitelhoff forderte politisches Engagement: „Fordern Sie ein, dass es wieder zu mehr Mut in der Politik gibt [und] mischen Sie die Parteien auf.“

Der erkenntnisreiche und interessante Abend zeigte, dass Schule ein Ort für politische Diskussion und aktive Mitgestaltung sein kann. Trotz Konflikten, technologischen Umbrüchen, wirtschaftlicher Konkurrenz und politischer Unsicherheit bleibt Europas Zukunft offen. Deitelhoffs zentrale Botschaft: „Die Zukunft ist nicht vorbei. Die ist wirklich offen und gestaltbar.“ Europa muss entscheiden, welche Rolle es in der Welt spielen will.